ANWENDUNGSBEREICHE

Neurofeedback bei Depression

Von einer Depression spricht man, wenn eine Person sich über mehrere Wochen hinweg andauernd niedergeschlagen, antriebslos, energielos und mutlos fühlt. Betroffene leiden häufig unter einem mangelnden Selbstwert und Schuldgefühlen. Auch körperliche Symptome wie Schlaf- und Konzentrationsprobleme sind typisch sowie begleitende Ängste.

Bei Kindern und Jugendlichen stehen häufig vor allem Stimmungsschwankungen, Schulprobleme, Konzentrationsprobleme, Ängste oder aggressives Verhalten im Fokus.

 

Die statistische Häufigkeit beträgt bei Jugendlichen 3-10%, bei Kindern nur etwa 1%

Auffälligkeiten im EEG bei depressiver Symptomatik

Bei betroffenen Personen kann eine veränderte Wachsamkeit beobachtet werden, was dazu führt, dass sie nicht abschalten oder entspannen können. Dadurch sinkt unter anderem die Fähigkeit sich zu konzentrieren, da das Gehirn nicht mehr zur Ruhe kommt. Betroffene geraten in einen Zustand permanenter Anspannung und erleben sich als weniger leistungsfähig.

Ganz konkret ist dies zu beobachten, wenn man sich das Verhältnis von Alpha-Aktivität (wach&entspannt) zu Beta-Aktivität (fokussiert) im Gehirn ansieht (Swingel, 2015). Die sogenannten High-Beta-Wellen, die normalerweise in Stresssituationen (wie z.B. Prüfungen) besonders aktiv sind, sind bei Betroffenen dauerhaft erhöht, während Alpha-Wellen, die bei Gesunden in einem Zustand von Entspannung dominant wären, in deutlich geringerem Maße aktiv sind.

Ziele in der Neurofeedbackbehandlung von Depression

Angestrebt wird eine größere Entspannung (mehr Alpha-Aktivität) und gleichzeitig geringere Anspannung (High-Beta-Aktivität). Nicht nur eine aktive Entspannung soll erlernt werden, sondern auch die bewusste Wahrnehmung des Wechsels zwischen An- und Entspannung. Damit verknüpft erleben die Betroffenen einen erholsameren Schlaf, größeren Antrieb sowie eine bessere Konzentrations- und Leistungsfähigkeit im Alltag. Die Reduktion der Hochstresszustände (=High-Beta-Aktivität) führt zudem zu einer Reduktion von Ängsten.

Studienlage zu Neurofeedback bei Depression

In einem klinischen Vergleich zwischen einer medikamentösen Behandlung mit und ohne Neurofeedback wurden Patienten über 12 Wochen behandelt, die von gewöhnlicher Gesprächstherapie nicht profitieren konnten. Es zeigten sich signifikante Unterschiede im Wohlbefinden der Gruppen. In der Neurofeedbackgruppe waren die im Anschluss der Therapie berichteteten Symptome deutlich geringer als in der Gruppe, welche ausschließlich Medikamente nahm (Lee et al., 2019)

Neurofeedback bei Konzentrationsproblemen

 

Konzentrationsprobleme treten nicht nur bei ADHS auf, sondern auch in Folge von Stress- oder Belastungssituationen (wie z.B. bei Schulproblemen, Verlust einer nahestehenden Person, Mobbing usw.) oder als Begleiterscheinung von Depression, Ängsten, Zwängen, Traumafolgestörungen, Entwicklungstraumata usw. Die Konzentrationsfähigkeit kann in unterschiedlicher Hinsicht erschwert sein. So kann etwa die Fähigkeit die Aufmerksamkeit gezielt zu halten und oder funktional auszurichten (z.B. Reizdiskriminierung: Wesentliches aus Unwesentlichem herausfiltern können) erschwert sein.

Auffälligkeiten im EEG bei Konzentrationsdefiziten

Ursachen der Konzentrationsprobleme können sein:

1.  Eine erhöhte Gehirnaktivität im Hochstress-Bereich ( = erhöhte High-Beta-A,plituden; “fight or flight”), die ein übermäßiges inneres Stresserleben auslöst. Dadurch ist eine zielgerichtete Aufmerksamkeit erschwert. Man ist folglich nicht in der Lage sich zu entspannen.

2.  Zu wenig Gehirnaktivität im Entspannungsmodus, d.h. ein Mangel an den sogenannten Alpha-Wellen. Zu wenig Alpha verhindert ausreichend Entspannungsphasen, was Schlafprobleme und Stimmungsschwankungen verursachen kann.

3.  Eine zu starke neuronale Aktivität der "Schlaf-Wellen" im Wachzustand (Theta und/oder Delta). Betroffene fühlen sich tagsüber in reizarmen ("langweiligen") Situationen schnell müde und erschöpft. Sogenannte Peaks (Spitzen) der Delta- bzw. Theta-Aktivität können dazu führen, dass Informationen nicht im Gehirn ankommen, diese "Lücken" dann durch falsche Informationen vom Gehirn ersetzt werden und so z.B. leicht Flüchtigkeitsfehler entstehen.

Ziele in der Neurofeedbackbehandlung von Konzentrationsproblemen

Je nach Ursache der Konzentrationsprobleme zielt das Training auf folgende Prozesse ab:

  • Reduktion des Stresserlebens bzw. der (High-)Beta-Aktivität: Weniger (High-)Beta-Aktivität reduziert das Stresserleben, die Anspannung der Betroffenen in Situationen, die keine Anspannung erfordern.

  • Erhöhung des Entspannungserlebens bzw. mehr Alpha-Aktivität: Mehr Alpha-Aktivität fördert die Entspannung und so auch die Fähigkeit je nach Situation zwischen An- und Entspannung zu regulieren.

  • Reduktion jener Gehirnaktivität im Wachzustand, die bei Gesunden nur im (Tief-)schlaf dominant ist: Weniger Theta- und Delta- im Wachzustand fördert die Fähigkeit wach und fokussiert zu sein.

 

Neurofeedback bei AD(H)S

Bei ADHS stehen Konzentrationsprobleme, Hyperaktivität und Impulsvität im Zentrum der Symptomatik. Bei ADS ist vor allem die Konzentration erschwert. 

Betroffene haben Schwierigkeiten sich zu strukturieren und Erwartungen des Umfelds (z.B. der Schule) zu erfüllen. Sie erleben häufig eine innere Unruhe. In vielen Fällen ist die Motorik und in der Folge ebenso das Schriftbild betroffen.

Neurofeedback dient gerade bei Kindern oder Jugendlichen mit ADHS als dankbare Behandlungsalternative, da das EEG-Training mithilfe von Spielen oder Filmen durchgeführt wird und so im Vergleich zu anderen Therapieformen eine starke Motivationshilfe bietet. 

Die statistische Häufigkeit von ADHS beträgt im Kindes- und Jugendalter ca. 5%. Bei etwa der Hälfte der Betroffenen besteht die Symptomatik im Erwachsenenalter fort. Jungen sind deutlich häufiger betroffen als Mädchen. Außerdem werden Kinder, die früher eingeschult werden, signifikant häufiger mit ADHS diagnostiziert als ältere Kinder.

Auffälligkeiten im EEG bei ADHS

Es konnte eine gestörte Verbindung zwischen Gehirnarealen festgestellt werden, welche besonders die Verbindung zwischen dem präfrontalen Cortex und dem visuellen Cortex betrifft.

Bei Gesunden werden im Gehirn in Situationen, die Konzentration erfordern (z.B. Unterricht), Befehle zur Aktivitierung der Aufmerksamkeit weitergeleitet. In der Folge wird die Gehirnaktivität, die bei Entspannung dominant ist (Alpha-Aktivität) reduziert, während parallel u.a. die Aktivitä für einen größeren Fokus und mehr Sehleistung erhöht werden.  

Bei Menschen mit ADHS bleiben die Alpha-Wellen dagegen in solchen Situationen häufig konstant.

Außerdem ist bei ADHS-Patienten auffällig, dass die Gehirnaktivität im Wachzustand stark ausgeprägt ist, die bei Gesunden lediglich im Tiefschlaf (Delta) und im Übergang vom Wach- zum Schlafzustand (Theta) dominant aktiv ist. Man spricht hier auch von einem hypoaktivem ADHS Syndrom (Swingel, 2015), das Gehrin ist nicht wach genug. Diese erhöhte Aktivität von Theta bzw. Delta-Wellen macht es Betroffenen schwer fokussiert zu bleiben. Besonders schwer ist dies in "langweiligen", reizarmen Situationen.

Um wach zu bleiben, stimulieren sich einige ADHS Patienten: Sie summen laut vor sich hin, bewegen sich übermäßig oder provozieren Konflikte. Sozial angemessenes Verhalten ist für sie in diesen Situationen eine große Anstrengung.

Neben einem hypoaktivem ADHS gibt es auch ein hyperaktives ADHS Syndrom. Hier sind die Theta-Aktivitäten sehr gering und die Beta-Aktivitäten sehr hoch.

Ziele in der Neurofeedbackbehandlung von ADHS

Je nach Ursache werden verschiedene Zustände angestrebt:

  • Ziel ist, dass das Gehirn lernt, von einem eher passiven, entspannten Zustand in einen aktiveren, aufmerksamen Zustand  zu wechseln, wenn die Situation einen stärkeren Fokus erfordert (z.B. bei den Hausaufgaben; im Unterricht) 

       → Reduktion von Alpha- und Erhöhung von (Low-)Beta-Aktivität 

  • Betroffene sollen lernen wach und leistungsfähig zu sein – auch in gleichförmigen Situationen. Sie sollen lernen sich selbst zu regulieren, um Leistung abrufen zu können ohne diesen Wachheitsgrad durch sozial wenig erwünschte Verhaltensweisen zu „erzwingen“ (wie übermäßige Bewegung usw.)

       → Reduktion von Theta-/Delta-Aktivität im Wachzustand:

  • Verbesserung der Schrift durch Modulation des motorischen Cortex (SMR) über der Scheitelregion: Eine Vielzahl von ADHS-Patienten leidet unter motorischen Defiziten, die sich dann häufig auch im Schriftbild niederschlagen. Durch das Neurofeedbacktraining wird der motorische Cortex als Nebeneffekt trainiert, sodass ein Effekt des Trainings ein besseres Schriftbild ist.

Neurofeedback und Medikamente

Gerade bei Kindern wird Neurofeedback häufig eingesetzt, um eine Medikation zu vermeiden. Alternativ wird Neurofeedback auch neben einer medikamentösen Behandlung genutzt, um die Dosis der Medikation möglichst gering zu halten und einen Lerneffekt zu erzielen.

Besonders sollte jedoch darauf geachtet werden, ob die Medikation mit den verschiedenen Ursachen der ADHS Symptomatik zusammen passen (siehe hypoaktives und hyperaktives ADHS Syndrom).

Neurofeedback in den offiziellen Psychotherapie-Leitlinien von ADHS

Die breite Studienlage bei ADHS hat dazu geführt, dass Neurofeedback in die offiziellen, aktuellen Therapieleitlinien (AWMF) für ADHS aufgenommen wurde. Ab einem Alter von mehr als 6 Jahren wird Neurofeedback hier empfohlen.

Außerdem wird Betroffenen nahe gelegt ausschließlich mit gut untersuchten Protokollen zu trainieren. Hierzu gehören:

  • das Feedback der ThetaBeta-Ratio über die fronto-zentrale Region

  • das Sensorimotor-Rhythmus (SMR) über dem Motorkortex oder der langsamen kortikalen Potentiale (slow cortical potentials, SCP) über der Scheitelregion

Nicht empfohlen werden „QEEG-basierte“ Protokolle 

Weiterhin wird empfohlen, dass dabei

  • Prinzipien der Lerntheorie und

  • Transferübungen zum Übertragen des Erlernten in den Alltag

eingesetzt werden.

Gemäß der Leitlinie sollte „ausreichend lange trainiert werden (mindestens 25 bis 30 Sitzungen), wobei regelmäßig mit Kind / Jugendlichem und Eltern gemeinsam überprüft werden soll, ob die Fortsetzung der Behandlung durch Hinweise auf eine beginnende Wirksamkeit gerechtfertigt ist“.

 

Neurofeedback bei Ängsten & Panik

Bei Angststörungen und Phobien werden Situationen oder Auslöser vom Gehirn auf irrationale oder zumindest übermäßig bedrohliche Weise interpretiert. So kommt es im Alltag meist zu einer Vermeidung solcher vermeintlich gefährlichen Situationen oder Auslöser, häufig begleitet vom Grübeln über die Ängste, Anspannungsempfinden oder sogar Angst vor der Angst. 

Bei Panikstörungen lässt sich ein ähnlicher Teufelskreis beobachten. In der Regel werden normale körperliche Empfindungen als Bedrohung wahrgenommen, sodass diese sich steigern zu starkem Herzklopfen, Schweißausbrüchen, Atembeschwerden, Beklemmungsgefühlen und Schwindel und die Person häufig infolge der starken Empfindungen ihr Leben in Gefahr sieht.

Die statistische Häufigkeit liegt bei Kindern und Jugendlichen bei 10%, bei Erwachsenen liegt sie bei ca. 15%. Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen.

Ängste & Panikstörungen im EEG

Eine Überaktivität von Gehirnwellen im Hochstressbereich (Beta) kann zu Angstzuständen und Reizbarkeit führen. Durch den starken Anspannungszustand ist eine gezielte Fokussierung erschwert, sodass häufig auch die Konzentration und Leistungsfähigkeit unter dem Stresszustand leiden.

Ziele der Neurofeedbackbehandlung von Angst & Panik

Durch die gezielte Aktivierung von Alpha-Wellen (Entspannung) und Reduktion von Beta (Stress, Anspannung) kann eine Balance wiederhergestellt werden, die es ermöglicht einen besseren Umgang mit den Ängsten zu finden und das Angstempfinden so zu senken.  

Neurofeedback vs. Beta-Blocker

Medikamentös werden Ängste in der Regel mit sogenannten Beta-Blockern behandelt. Diese suggerieren dem Körper Entspannung, indem Blutdruck und Herzfrequenz gesenkt werden. Sobald die Beta-Blocker abgesetzt werden, fällt diese Wirkung weg. Dagegen stößt Neurofeedback einen Lernprozess an, der dann zu einer Angstreduktion führt. Das Gehirn lernt sich - u.a. durch die Veränderung der Atmung, der Muskelspannung, der Gedanken oder der Erwartungen - so zu regulieren, dass die Anspannung sinkt und ein Ruhezustand erreicht wird: Innere Ruhe und Fokussierung werden so wieder möglich.

Dieser Lernprozess vertieft sich Studien zufolge auch noch Monate nach Beendigung der Behandlung.

 

Neurofeedback bei Rechenschwäche & Dyskalkulie

Eine Rechenschwäche oder Dyskalkulie wird meist mit dem Schuleintritt deutlich. Sie zeigt sich in einem fehlenden Verständnis von Zahlen und Rechenfertigkeiten, sodass der Erwerb der Grundrechenarten stark erschwert ist. Nicht selten kommt es in Folge der schulischen Leistungsdefizite auch zu psychischen Problemen wie Selbstwertdefizite und soziale Unsicherheiten.

Wissenswert

 

Eine Dyskalkulie bedeutet nicht, dass die Intelligenz des Kindes eingeschränkt ist. Im Gegenteil: Voraussetzung für die Diagnose ist eine IQ-Testung im mindestens durchschnittlichen Intelligenzbereich.

Die statistische Häufigkeit von Dyskalkulie liegt bei Kindern und Jugendlichen bei 2-8%.

Auffälligkeiten im EEG bei Dyskalkulie

Bei Dyskalkulie bzw. Rechenschwäche sind häufige Ursachen eine gestörte Konzentrationsfähigkeit (zu wenig neuronale Aktivität in dem für Konzentration passenden Frequenzbereich) sowie eine gestörte Verbindung zwischen Gehirnsystemen

Ziele in der Neurofeedbackbehandlung von Dyskalkulie 

Ziel ist hier die Förderung von Konzentration (=Erhöhung der neuronalen Aktivität im dem spezfischen Frequenzbereich) sowie ein Training beteiligter Hirnzentren (z.B. das Sprachzentrum) zur Verbesserung der Kommunikation zwischen diesen. 

 

Neurofeedback bei Legasthenie bzw. Lese-Rechtschreibschwäche

Im Falle einer Legasthenie bzw. Lese-Rechtschreibschwäche hat ein Kind oder Jugendlicher ausgeprägte Defizite im Lese- und Schreiberwerb - bei einem sonst normalen Intelligenzniveau. Den betroffenen Kindern fällt es deutlich schwerer Buchstaben oder Wörter zu identifizieren und wiederzuerkennen, was die schulische Leistungsfähigkeit häufig stark beeinträchtigt und im Alltag zu Frustrationen führt. Psychische Probleme sind in der Folge keine Seltenheit.

Die statistische Häufigkeit liegt bei 3-11% der Kinder und Jugendlichen.

Wissenswertes

Eine LRS bzw. Legasthenie bedeutet genau wie bei Dyskalkulie nicht, dass die Intelligenz des Kindes eingeschränkt ist. Im Gegenteil: Voraussetzung für die Diagnose ist eine IQ-Testung im mindestens durchschnittlichen Intelligenzbereich.

Auffälligkeiten im EEG

Schon lange vor Eintritt der Schule sind die Schwierigkeiten im Lese- und Schreiberwerb im EEG er erkennen: Niederländische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Defizite in der auditiven Verarbeitung schon im Kleinkindalter zu beobachten sind und sich anhand der EEG-Untersuchung der Leseerfolg eines Kindes der zweiten Klasse vorhersagen lässt. 

Neben der auditiven Verarbeitung kann auch die Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigt sein und zur Leserechtschreibproblematik beitragen.

Ziele der Neurofeedbackbehandlung bei LRS

Das Training des Sprachzentrums dient der Verbesserung der auditiven Verarbeitung bzw. fördert es die Kommunikation zwischen den einzelnen Gehirnsystemen.  Auch kann die Konzentrationsfähgkeit gezielt verbessert werden. Hierfür eignet sich die Förderung von funktionalen Beta- und Alpha-Frequenzen.

© 2020 by Lea Jung